CAMERA ARCHITECTURA

DAS NEUE LEICA HEADQUARTER

Interview mit Marcel Koch-Mehrin, Gruber + Kleine-Kraneburg Architekten
über die Entstehung des Leica Headquarters in Wetzlar


2007 haben Sie bei der architektonischen Ausschreibung zum Leitz-Park Wettbewerb den 1. Preis gewonnen. Mit welchem Konzept überzeugten Sie den Auftraggeber?

Wir konnten den Auftraggeber mit einem Campus-Konzept überzeugen. Dieses Prinzip hat seinen Ursprung im Städtebau und basiert auf der Idee, dass sich alle Baukörper um einen zentralen Platz orientieren, der als Mittel- und Treffpunkt, wie ein Stadtplatz, funktioniert. Dabei sollten alle Gebäude sowohl einem übergeordneten Gestaltungsprinzip folgen, als auch als eigenständige Architekturen fungieren bzw. wiederzuerkennen sein.


2009 begannen Sie mit der Planung des Leica-Gebäudes. Wie gestaltete sich Ihre methodische Herangehensweise?

Wir haben uns während der Entwurfsphase intensiv mit der Konstruktionsweise, dem Design und der Funktionalität einer Kamera von Leica auseinandergesetzt. Leitgedanke war, alle Eigenschaften, die eine Leica Kamera auszeichnet, zu abstrahieren und in den Entwurf zu übertragen. So hat jede Seite des Gebäudes eine Funktion, ähnlich der Leica Kamera. Das Logistikzentrum ist beispielsweise an dem USB-Anschluss der Kamera angelehnt.


Wie viele Mitarbeiter waren an dem Prozess beteiligt (interdisziplinäres Team)?

Als Generalplaner haben die wir ein vielfältiges, interdisziplinäres Fachplanerteam betreut und
koordiniert und darüber hinaus die Objektplanung mit einem Kernteam bei uns im Haus erarbeitet.



Welche Leistungsphasen haben Sie betreut?


Wir haben alle Leistungsphasen betreut.


Das Gebäude zeichnet sich durch eine eigenständige Formensprache aus. Wie ist diese
entstanden? Gab es einen übergeordneten strategischen bzw. philosophischen Denkansatz?


Die Formensprache der Leica Kamera sollte sich in dem Gebäude wieder finden, um die Unternehmenskultur und –philosophie des Unternehmens zu tragen. Dabei spielte die Bauweise, die eingesetzten Materialien und präzise Details eine tragende Rolle. Diese sollten hochwertig und professionell verarbeitet werden und im Kontext zu dem Produkt stehen. Die Präzision und fortschrittliche Technik einer Leica Kamera spiegelt sich beispielsweise in der Fassadengestaltung wieder.
So besteht die Glasfassade nicht aus einzelnen polygonal aneinandergereihten Elementen, sondern ist durchgängig radial gebogen. Gebogene Scheiben in den hier ausgeführten Größen als Außenfassade entsprechen dem aktuellen Stand der Technik. 
Die eingesetzten Materialien wie Stahl, Beton und Glas sind in unserem Sinne alle als „echte“ Materialien, hochwertig und professionell verarbeitet worden und stellen einen haptischen Bezug zur Kamera her.



Wie charakterisiert sich das Verhältnis von Interieur und Exterieur bei dem Gebäude?


Die Formensprache des Exterieurs wurde im Interieur konsequent fortgesetzt. Die organische Fassade spiegelt sich in den radialen Trennwänden der Innenräume wider. Diese erzeugen im Zusammenspiel mit rechten Winkeln ein Raumgefüge ohne iterierende Strukturen und standardisierte Grundrisse, mit einem hohen Grad an Individualität.



Das moderne Büro lässt sich in verschiedene Typologien kategorisieren (z.B. Großraumbüro, Zellenbüro usw.). Darüber hinaus gibt es unterschiedliche konzeptionelle Ansätze des „Büros der Zukunft“. Welchem Gestaltungskonzept sind Sie bei Leica gefolgt?


Prinzipiell verstehen wir den (Büro-)Raum als eine „Hülle“, der mit maximaler Funktionalität und modernster Technik ausgestattet, aber auch einfach zu nutzen sein sollte. D.h. High-Tech in der Ausstattung, Low-Tech in der Bedienbarkeit. So erfolgt z.B. die Kühlung und Heizung automatisiert durch Betonkernaktivierung in Decke und Boden.

Die Auswahl eines geeigneten Bürokonzeptes war dabei ein Prozess, der im Dialog mit den jeweiligen Abteilungsleitern erfolgte. Anfänglich sollte das Konzept des Zellenbüros des alten Gebäudes übernommen werden. Durch die intensiven Gespräche und Diskussionen mit den Verantwortlichen fand ein Umdenken statt, verbunden mit dem Wunsch in offeneren, kommunikationsfördernden Bürostrukturen zu arbeiten, so dass im jetzigen Gebäude das moderne open space office inklusive informeller Rückzugmöglichkeiten dominiert.



Mit welcher Prägnanz hat sich die Formensprache des Tragrohrmöbelsystems Bosse modul space in das Gestaltungskonzept integrieren lassen?


Die Möbel von Bosse modul space führen das zugrundeliegende Gestaltungsprinzip des Gebäudes von Präzision und Qualität bis hin zur Einrichtung weiter und harmonieren sehr gut mit der Formensprache des Leica-Gebäudes. Auch der Einsatz von „echten Materialien“, wie die Stahlrohrverbindungen des Systems, passt ideal zu der hochwertigen Materialbeschaffenheit der Architektur.



Gab es besondere Herausforderungen bei dem Projekt? 


Durch die dynamischen Prozesse und den intensiven Austausch mit dem Auftraggeber entstanden immer wieder neue Projektideen, die auch umgesetzt wurden
.

Was verbindet Sie mit Fotografie, insbesondere Leica?


Bereits während des Studiums habe ich mich für die Fotografie, insbesondere der Architekturfotografie, interessiert. Das Projekt Leica hat die Auseinandersetzung mit der Fotografie intensiviert.
Inzwischen bin ich auch stolzer Besitzer einer Leica Kamera.




Persönliche Empfehlungen:

Welches Buch lesen Sie gerade bzw. können Sie empfehlen? 
Argentinisches Roulette von Georg Schattney

Von welchen Architekten bzw. Baustilen lassen Sie sich inspirieren?
Im Falle der Planung des „Neubaus Leica Camera“ von Mies van der Rohe, Gordon Bunshaft u.a.

Welche Gebäude erzeugen bei Ihnen Gänsehaut?
Barcelona Pavillon, Barcelona; Architekt: Mies van der Rohe

Wo würden Sie gerne Arbeiten?
ortsungebunden, d.h. mobil um neue Eindrücke bzw. Inspirationen zu erhalten.

Auf welchem Stuhl würden Sie gerne arbeiten?
Züco Little Perillo in Leder weiß oder schwarz, drehbar ohne Rollen.

 

TEXT Bianca Weber